Juli

Ihre Geschichte:

Meine beste Freundin, ich nenne se hier Juli, habe ich im Studium kennengelernt. Es war fast ein bisschen wie "Liebe auf den ersten Blick" - oder vielleicht war es auch bloße Faszination?
Als ich zum ersten Mal in meinen Sprachwissenschaftskurs kam, stand vor dem Fenster, an der Heizung, eine kleine Gestalt. Blaue Jeans, schwarzer Kapuzenoullover, langes braunes Haar, kindliche Figur.
Es waren nur wenige Studenten im Raum und ich sagte einfach "Hallo."
Eine Antwort kam nicht.

Ich hatte meine verdammten Unisachen vergessen. Und das schon am dritten Unitag des ersten Semesters. Typisch ich!
Also sprach ich sie an.
Ich ging hin.
Sagte "Hallo."
Sagte "Ich bin Liza."
Lächelte sie an.
"Juli."

Anfangs liefen unsere Gespräche immer so. Stockend. Inhaltslos. Doch wir saßen in der Uni von nunan immer nebeneinander. Denn dieses Mädchen faszinierte mich. Sie schien so unerreichbar. Fast unantastbar. Auf eine gewisse Weise erhaben. Und sie war klug. In den Seminaren drückte sie sich gut aus. Glänzte mich Fachwissen. Doch in privaten Gesprächen war sie leise. Unsicher. Scheu.

Trotzdem lernten wir uns kennen. Sehr langsam. Und Schritt für Schritt. Wir erarbeiteten Referate für die Uni gemeinsam. Fingen an uns ab und zu auf einen Tee zu treffen. Saßen zusammen. Redeten - über Banalitäten. Bis sie mir eines Tages an meinem Küchentisch gegenübersaß, mir tief in die Augen schaute und anfing, mir ihre Geschichte zu erzählen.

Magersucht mit 15. Mit 17 schlägt es in Bulimie um. Erster Klinikaufenthalt mit 17 1/2. Abiklausuren. Ein Gewicht unter 40kg. Essanfälle. Magenverschluss. Operation. Überlebenschance? 25%.
Ihren Eltern ist es egal. Mit 19 wieder Klinik. Nur geringe Erfolge.

Sie sitzt mir gegenüber und erzählt ihre Geschichte. Mit all den Horrorerfahrungen. Mit all dem Leid. Aber ohne Emotion. Sie rührt sich kaum. Nur ihre Lippen bewegen sich. Zwischendurch schweigt sie. Beobachtet meine Reaktionen.

Ich bin gefangen! Ich kann kaum sprechen. Bin erschlagen von dem, was sie erzählt. Mir rollen Tränen über die Wangen.
Ich habe mich in dieses Mädchen verliebt. In ihre Stimme. In ihre traurigen Augen. In ihre Geschichte.

Und ich fasse einen folgenschweren Entschluss: Ich werde diesem Mädchen helfen! Ab heute werde ich diesem Mädchen helfen das Leben zu lieben!

Ich nehme sie in den Arm. Sie lässt es zu. Zum ersten Mal.

Hier beginnt unsere gemeinsame Zeit. Unsere gemeinsame Geschichte.



Es ist März als mir Juli ihre Lebensgeschichte offenbart. Und es ist März, als sie den Entschluss fasst, ein drittes und letztes Mal in die Klinik zu gehen. Diesmal will sie es schaffen, sagt sie. Diesmal...hat sie mich!

Die Wochen bis zu ihrem Klinikaufenthalt sind die schönsten und trotzdem die traurigsten, die ich seit langer Zeit hatte... Immer Dienstagnachmittag treffen wir uns. Auf einem Spielplatz unterhalb einer Schule. Er ist begrünt und bewaldet. Meistens unbesucht. Wir sitzen immer auf einer Bank unter einem großen Baum. Und wir reden. Und oft schweigen wir.

Und dann kommt die Nachricht: Morgen ist Antrittsbesuch in der Klinik. Und es folgt unser erster Abschied.

Für Juli ist es eine riesige Erleichterung. So lange hat sie gekämpft, Anträge gestellt, Formulare ausgefüllt, ärztliche Ateste und Bescheinigungen besorgt...

Mir macht es Angst. Was wird passieren? Was wird mit ihr passieren? Wird sie sich verändern? Wird sie genug Kraft haben, alles hinter sich zu lassen? Wird sie Erfolg haben? Und was wird mit mir? Was wird mit uns? Was wird sein, wenn sie zurück kommt? Werden wir Kontakt haben, wenn sie in der Klinik ist? Werde ich sie besuchen?

Ich verabschiede mich von ihr. Ich weine. Und ich sage ihr, dass ich sie lieb habe. Dass ich an sie glaube. Und dass ich immer für sie da bin.



In der Klinik läuft es gut für sie. Natürlich braucht sie Eingewöhnungszeit. Doch ihr Entschluss steht fest: Sie will es schaffen! Sie will diese Krankheit besiegen. Und sie kämpft mit allen Mitteln dafür!

Ich besuche sie. Einmal. Zweimal. Wir gehen Eis essen - Snickers und Kokos. 2 Kugeln. Unglaublich. Für sie ein riesiges Ding! Für mich ein wahnsinniger Erfolg. Wir können unbeschwert zusammen Eis essen! Ich bin glücklich.



Auch mir geht es in diesem Sommer sehr schlecht. Ich mache meinen dritten Drogenentzug. Habe es schwer. Aber ich kämpfe! Ich denke immer und immer wieder an meine Juli. Die stark ist. Die kämpft. Also kämpfe auch ich!



Im Herbst sehen wir uns wieder. Julia geht es so gut wie lange nicht - sagt sie. Mit dem Essen klappt es gut.



Es kommt die Weihnachtszeit. Ferien. Im neuen Jahr ein Selbstmordversuch meinerseits. Vertrauensbruch. Totalabsturz.
Ich hatte über Weihnachten (und auch schon vorher) Rückfälle. Drogen. Immer wieder.

Im Februar meine radikale Entscheidung: Nie wieder Drogen nehmen - oder sterben! Ich halte mich bis heute daran!!!



Es kommt ein toller Frühling. Wir haben einen wunderbaren Urlaub. Lachen viel. Sind glücklich.
Dann stirbt ein guter Freund. Vielleicht ihr bester Freund. Und meine große Liebe seit Kindertagen.
Aber wir haben uns. Wir stützen uns. Geben uns Kraft. Auch wenn es schwer fällt... Wahrscheinlich fällt es ihr schwerer als mir. Ich merke es nicht. Ich frage nicht nach. Frage nicht, wie es ihr geht. Frage nicht, wie es mit dem Essen läuft. Und sie will es nicht erzählen. Sie sagt, dafür hätte sie Therapeuten... doch mit denen spricht sie nicht.

Im Mai - die Zeit der Bachelor-Arbeit. Ich arbeite viel. Habe wenig Zeit. Gönne mir keine Pausen. Keine Auszeiten. Ich nehme ab. Und sie nimmt zu. Sie hasst sich. Sie hasst sich dafür, dass sie isst. Ohne zu erbrechen.

Im Sommer fahren wir zusammen in den Urlaub. Es eskaliert. Weil sie sich hasst. Und weil ich es nicht ertragen kann! Täglich sagt sie mir, wie sehr sie sich hasst. Für mich ist es jedes Mal ein Messerstich mitten ins Herz. Ich blute. Drohe zu verbluten.
Ich stelle sie vor die Entscheidung: Die Essstörung oder unsere Beziehung. Sie entscheidet sich für mich. Und kämpft. Es läuft gut.

Im August habe ich eine Operation. Ich habe ein krankes Herz. Mir geht es schlecht. Aber sie ist da! Sie kümmert sich liebevoll. Ist vorsichtig. Rücksichtsvoll. Liest mir jeden Wunsch von den Lippen ab. Wir liegen Nächte lang auf der Terasse - eingehüllt in warme Decken. Schauen in die Sterne. Zählen Sternschnuppen. Essen Eis. Es geht uns gut. Mir geht es gesundheitlich so schlecht! Aber wir sind glücklich. Ich bin verliebt.

Ich sage es ihr.

Wir lieben uns. Ich liebe sie. Und sie liebt mich zurück. Es ist das großartigste Gefühl, dass ich seit langem spüre. Es ist Vertrauen. Nähe. Hoffnung.

Doch ich bin krank. Sehr krank. Die Ärzte sagen, dass ich sterben werde. Und ich beschließe, zu leben. So lange, wie es mir möglich ist, will ich leben. Das Leben genießen.

Juli und ich fahren nach Dresden. Es sind die schönsten zwei Tage des Jahres. Wir vergessen für einen Moment die Krankheit. Und alle Probleme. Wir Leben. Wir Genießen. Wir Essen. Wir Lachen.
Es ist unglaublich! Unglaublich schön!



Doch ihre Sorge kommt zurück. Der Gedanke daran, dass ich sterben könnte, scheint sie innerlich aufzufressen. Und während ich versuche, all meine positive Energie dagegen einzusetzen ... fällt sie in ein tiefes Loch. Wir treffen uns nicht mehr. Wir reden nicht mehr. SIE redet nicht mehr. Gar nicht mehr. Sie reagiert nicht.

Es eskaliert!

Ich mache ihr Vorwürfe. Dass sie nicht da ist. Dass sie mich nicht liebt. Dass es ihr egal ist, was mit mir passiert. Dass sie egoistisch ist. Nur an sich denkt. Sie sei eine Lügnerin. Habe mich nur benutzt.

Sie reagiert auch darauf nicht. Und meine Welt bricht zusammen.



Über Wochen hinweg verliert sie sich immer mehr in ihrer Depression. Alles sieht sie nur schwarz. Fühlt sich innerlich leer. Weint viel. Spricht nicht. Vergisst zu träumen. Und zu hoffen.

Und fasst am Ende den Entschluss: Ich habe alles kaputt gemacht. Ich habe Lisa kaputtgemacht. Ich habe unsere Beziehung kaputtgemacht. Ich bin scheiße. Ich hasse mich. Ich bin es nicht wert. Ich bin schlecht. Ich bin Schuld.

Mit dem Essen läuft es schlecht. Sie isst nicht mehr. Nur das Nötigste. Hat stark abgenommen.





Ich will ihr helfen! Ich will es noch ein letztes Mal versuchen!
EIN LETZTES MAL!

1 Kommentar 13.1.13 10:40, kommentieren

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